Open Doors Engadin: Baukultur = Glanz, Nutzen und Selbsttäuschung
Das Engadin hat sich an diesem Wochenende nicht einfach gezeigt. Es hat sich inszeniert, diskutiert, verteidigt und sich gelegentlich auch entlarvt. Wer Open Doors Engadin 2026 besucht hat, war nicht auf einem bloßen Architekturspaziergang, sondern befand sich mitten in einem Spannungsfeld aus Prestige, Zweck, Landschaft, Tradition und Zukunft. Genau das macht die Veranstaltung so stark: Sie zeigt nicht nur schöne Gebäude, sondern eine Region, die an ihrer eigenen Identität arbeitet.
Und vielleicht ist das die eigentliche Leistung dieser Ausgabe: Sie macht sichtbar, wie eng Baukultur, Tourismus, Betrieb und sozialer Alltag im Engadin miteinander verknüpft sind. Hier stehen nicht nur Objekte nebeneinander. Hier prallen Ideen aufeinander. Manchmal harmonisch, manchmal unbequem.
Baukultur ist keine Kulisse.
Open Doors Engadin ist mehr als nur eine Einladung in sonst verschlossene Gebäude. Es ist ein Blick hinter die Fassade einer Region, die sich zwar über Architektur definiert, aber nicht nur darüber funktioniert. Das Spektrum reicht von historischen Hotels über technische Infrastrukturen bis hin zu Pflegebauten und Zukunftslaboren. Wer genau hinschaut, erkennt schnell: Die wirklich interessanten Fragen stellen sich nicht bei den schönen Perspektiven, sondern bei den Nutzungen dahinter.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Eine Region kann sich mit glänzenden Bildern vermarkten. Doch Baukultur beginnt erst dort, wo ein Gebäude im Alltag trägt, funktioniert, genutzt wird und zugleich Bedeutung stiftet. Genau daran misst sich das Engadin – und genau deshalb lohnt sich diese Veranstaltung so sehr. Deshalb war Mathias Haas, DER TRENDBEOBACHTER, vor Ort. Nicht als Historiker, sondern als Zukunftsbegleiter.

Cresta Run: Ein Mythos auf Eis.
Ein Höhepunkt war die Führung am Cresta Run mit Martin Greenland, dem CEO des St. Moritz Tobogganing Club. Es war kein trockener Geschichtsunterricht, sondern ein konzentrierter Einblick in ein Stück lebendiger Alpen- und Sportgeschichte. Martin führte mit jener Mischung aus Präzision und Charme, die zu diesem Ort passt. Ihn namentlich zu nennen, ist Pflicht, denn die Führung war nicht nur informativ, sondern ein echtes Erlebnis.
Die Fakten sind ebenso bemerkenswert wie die Erzählung selbst: Rund 50 Prozent der Clubmitglieder sind Briten, der Club zählt etwa 1 500 Mitglieder, davon sind rund 1 250 aktiv. Der Cresta Run ist eine der letzten Natureisbahnen der Welt – zusammen mit der Bobbahn in St. Moritz. Jeden Winter wird die Bahn ab Mitte November von Grund auf vorbereitet und die Saisoneröffnung ist für den 18. Dezember 2026 vorgesehen. Die Bahn selbst ist älter als die meisten Staaten, über 400 Jahre Geschichte schwingen hier im Mythos mit, real existiert sie seit 1884 als erste Natureisbahn der Welt.
Gerade das macht den Ort so besonders: Hier geht es nicht nur um Sport, sondern um Rituale. Um Zeitgeist. Um Wiederholung. Es geht um eine Form von „winterlicher Hochkultur“, die irgendwo zwischen Gentleman-Sport, Abenteuer und alpiner Obsession liegt. Der Cresta Run ist nicht modern im üblichen Sinn. Er ist gerade deshalb modern, weil er seine Eigenart nie aufgegeben hat. Und klar, Frauen fahren auch.
Ein Club als Welt für sich.
Der Cresta Run ist auch ein soziales Phänomen. Mit 1 500 Mitgliedern, einem hohen aktiven Kern und einer starken britischen Prägung wird hier nicht irgendein Wintersport betrieben. Es ist eine Gemeinschaft mit eigenen Regeln, Traditionen und einem besonderen Selbstverständnis. Solche Orte gibt es nicht oft. Und gerade deshalb funktionieren sie, solange ihre innere Logik intakt bleibt.
Das ist ein Punkt, der über den Cresta Run hinausweist. In einer Zeit, in der vieles austauschbar und skalierbar werden soll, wirkt ein solcher Club fast altmodisch. Aber genau diese Beharrlichkeit erzeugt Strahlkraft. Der Run ist kein Produkt. Er ist eine Kulturform. In dieser Form steckt mehr Identität als in vielen großen Marketingkampagnen.

InnHub: Das Versprechen der Zukunft.
Der InnHub La Punt ist ein ganz besonderer Fall. Hier steht nicht die Tradition, sondern ein hochkomplexes Zukunftsversprechen im Mittelpunkt. Das Projekt will Begegnung, Innovation, Erholung und Arbeit zusammenbringen. Auf 7.700 m² sind laut den gezeigten Unterlagen unter anderem ein Restaurant, eine Bar und eine Lounge, Konferenzräume und ein Auditorium, Co-Working-Flächen, 42 Hotelzimmer, acht Wohnungen, ein Sportbereich mit Diagnostik, ein Sportgeschäft, eine Touristeninformation und eine Lobby vorgesehen. Das ist kein Haus. Es ist ein kleines Ökosystem.
Die offizielle Vision spricht von einem Ort der Begegnung, an dem Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenkommen, um Ideen zu entwickeln, Wissen zu teilen und die Zukunft gemeinsam zu gestalten. Auch Co-Working, Kultur, Gesundheit und Sport werden als fester Bestandteil dieses neuen Ortes beschrieben. Man spürt sofort: Hier soll kein einfaches Gebäude entstehen, sondern ein Magnet.
Und genau deshalb ist Skepsis angebracht.
Zu viele Rollen?
Mathias Haas hegt Zweifel – am InnHub. Diese richten sich jedoch nicht gegen das Projekt selbst, sondern gegen die Vorstellung, man könne einen Ort mit lauter guten Absichten automatisch zu einem guten Ort machen. Das funktioniert selten. Ein solches Konzept braucht eine dauerhafte Frequentierung, eine starke Nutzungsdisziplin und eine klare soziale Verankerung. Ohne diese Faktoren wird aus dem Versprechen schnell ein schönes, aber teures Gebäude mit zu vielen Erwartungen.
Besonders kritisch ist der Personalaspekt. Wenn Hotellerie und Gastronomie rund 50 Mitarbeitende benötigen, reichen acht Wohnungen bei weitem nicht aus, um ein solches Angebot wirklich zu tragen. Dann braucht es Nähe, Nachbarschaft und Wohnraum, der für den Alltag geeignet ist. Volle Integration. Andernfalls entstehen neue Pendelwege, was dem eigentlichen Ziel eines Ortes der Begegnung widerspricht. Ein Projekt, das Austausch verspricht, sollte nicht gleichzeitig zusätzliche Mobilität erzeugen.
Darin liegt für mich der Kern der Skepsis: Das Konzept ist gedanklich stark, aber im täglichen Betrieb sehr anspruchsvoll. Und genau dort zeigt sich, ob ein Ort wirklich trägt. Ein schöner Entwurf überzeugt schnell. Ein lebendiger Alltag muss sich hingegen erst bewähren. Auch wenn das Konzept von dem renommierten Architekten Norman Foster entwickelt wurde.

Der Satz als Leitmotiv.
Christoph Oggenfuss, Präsident und Co-Initiator von Open Doors Engadin, sagt: „Wir werden nicht größer, sondern idealerweise nur besser.“ Dieser Satz passt gut in dieses Umfeld. Er klingt bescheiden, beinahe klug defensiv. Und trotzdem steckt darin eine große Herausforderung, denn besser werden heißt nicht automatisch mehr Funktionen, mehr Flächen und mehr Komplexität. Manchmal bedeutet es auch, strenger, klarer, robuster und nüchterner zu werden.
Gerade im Kontext von Open Doors Engadin ist das ein wertvoller Gedanke. Denn wer Baukultur ernst nimmt, muss nicht immer nach mehr streben, sondern oft nach mehr Präzision, Haltung und Qualität.

Berninapass: Ein Zweckbau wird zum Gedankenbild.
Für den Zukunftsexperten Mathias Haas war der Berninapass der überraschendste Ort der Tour. Was auf den ersten Blick wie nüchterne Infrastruktur aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als architektonisch präzise gesetzte Geste. Der Unterhaltsstützpunkt Berninapass ist zwar ein Zweckbau, aber keiner von der grauen, pflichtschuldigen Sorte. Durch die Camera Obscura wird er zu einem Ort, der plötzlich über sich hinausweist.
Die Camera Obscura funktioniert mit einer kleinen Öffnung von 20 mm ohne Linse. Das Licht fällt ein und das Landschaftsbild erscheint im Inneren kopfvoran, verdreht und doch erstaunlich direkt. Das ist fast poetisch. Und gerade weil der Effekt so einfach ist, wirkt er umso stärker. Aus Technik wird Wahrnehmung. Aus Infrastruktur wird ein öffentliches Erlebnis.

Valentin Bearth hat diesen Ansatz in einer Führung mit trockenem Humor zusammengefasst: Man habe einen Unterhaltsstützpunkt gebaut, damit diese Kamera überhaupt positioniert werden konnte. Genau darin liegt die Größe des Projekts. Der Bau nimmt sich nicht wichtiger als die Landschaft, nimmt sie aber ernst genug, um ihr mit einer monumentalen Geste zu antworten.

Landschaft braucht Gegengewicht.
Der Unterhaltsstützpunkt ist eine Geste gegenüber der Landschaft. Er ist nicht klein und auch nicht freundlich dekorativ, sondern bewusst gesetzt. Das Gebäude steht nicht einfach dort. Es argumentiert mit dem Ort. Gerade in dieser Höhe und in dieser offenen Topografie braucht Architektur eine klare Haltung, sonst verschwindet sie oder wirkt beliebig.
Beeindruckend ist auch die technische und ökologische Sorgfalt. Nur etwa zehn Prozent des Gebäudes sind sichtbar, der Rest liegt unterirdisch. Im Siloturm lagern 400 m³ Salz und Kies, geschützt in einem „Eichenfass“. Die Mehrkosten für die Camera Obscura beliefen sich auf rund 250 000 CHF und wurden durch Gönner und Stiftungen mitgetragen. Das zeigt: In der Schweiz gibt es offenbar nicht nur Akzeptanz für solche Eingriffe, sondern auch eine Kultur, in der sie als Mehrwert verstanden werden.

Noch stärker ausgeprägt ist die Achtsamkeit im Detail. So wurden vor dem Bau Grasstücke von 50 x 50 cm nummeriert, zwischengelagert und nach der Fertigstellung wieder exakt zurückgesetzt. Das ist nicht nur sorgfältig. Es ist ein architektonisches Bekenntnis zur Verletzlichkeit des Ortes. Wer so baut, sagt nicht: „Wir dominieren die Landschaft.“ Er sagt: „Wir bleiben ihr etwas schuldig.“
Camera Obscura erklärt.
Die Camera Obscura basiert auf einem sehr alten optischen Prinzip: Ein abgedunkelter Raum mit einer kleinen Öffnung projiziert die Außenwelt auf die Innenfläche. Dabei ist das Bild auf dem Kopf und seitenverkehrt. Gerade diese Umkehrung macht den Reiz aus, da sie den Blick schärft und den Ort neu erfahrbar macht.
Am Berninapass wird daraus mehr als nur ein Effekt. Es entsteht ein dynamischer Denkraum. Die Landschaft wird nicht nur betrachtet, sondern aktiv erlebt. Das zwingt dazu, genauer hinzusehen. Und genau das ist Architektur im besten Sinne: Sie verändert die Wahrnehmung.
Du Lac: Gute Architektur, harte Wirklichkeit.
Das Alterszentrum Du Lac in St. Moritz hat eine andere, sehr reale Geschichte zu erzählen. Auf den ersten Blick ist die Wohnqualität hervorragend. Wer möchte dort nicht wohnen? Das Haus ist kompakt gebaut, nahe am Ort gelegen, mit durchdachten Rundläufen, schönen Zimmern und klarer Struktur. Jedes Zimmer hat quasi zwei Fenster, was die Qualität spürbar erhöht. Es gibt fünf Gruppen mit je zwölf Einzelzimmern, drei Gästezimmer und einen starken Fokus auf Pflege und Alltagsfunktion.

Doch dann kommt die Realität. Und sie ist unerbittlich: Personalwohnungen. Das dritte Stockwerk wird aktuell von Mitarbeitenden genutzt, da der Pflegebetrieb sonst nicht ausgelastet wäre. Das ist der eigentliche Engpass. Nicht die Architektur. Nicht das Raumkonzept. Sondern der Arbeitsmarkt und die Frage, wie man Menschen für solche Orte gewinnt und hält.
Das ist ein wichtiges Gegenbild zur reinen Schönbau-Diskussion. Gute Architektur kann viel. Aber sie kann keinen Pflegenotstand wegzaubern. Sie kann auch keine Wohnungsnot für Mitarbeitende lösen, wenn die Region nicht ausreichend attraktiven und bezahlbaren Wohnraum bereitstellt. Genau hier zeigt sich, wie eng Architektur und Sozialstruktur zusammenhängen.
Flexibilität ist Gold wert.
Großartig ist, dass hier modular gedacht wurde. Auf den ersten Blick wirken doppelte Gipswände, rückbaubare Strukturen und flexibel nutzbare Flächen weniger spektakulär als eine starke Form. Auf den zweiten Blick sind sie jedoch die klügere Lösung. Denn Pflegebauten ändern sich. Nutzungen verschieben sich. Bedürfnisse wandeln sich. Wer dies von Anfang an berücksichtigt, baut nicht nur schöner, sondern auch haltbarer.
Auch die Lage ist klug durchdacht. Der Bau wurde so nah wie möglich am Ort errichtet, mit einem kompakten Vorplatz und einer klaren Beziehung zur Umgebung. Die Hanglage, die zwei Erdgeschosse erzeugt, ist dabei nicht nur technisch interessant, sondern auch in der Nutzung relevant. Zur eigenen Sicherheit ist die Demenzgruppe „eingezäunt“, Rundläufe erleichtern die Orientierung und sorgen für mehr Sicherheit. Das ist keine Architektur fürs Foto. Das ist Architektur für den Alltag.
St. Moritz: Reichtum, der sich selbst beobachtet.
Der Baukultur-Spaziergang durch St. Moritz war vielleicht die offenste Form der Selbstbeobachtung. Prof. Daniel A. Walser zeigte gelungene und umstrittene Objekte und ordnete sie klar ein. Solche Führungen sind wertvoll, weil sie nichts beschönigen. Sie erlauben Meinungsäußerung. Und sie machen sichtbar, dass ein Ort wie St. Moritz nicht nur vom Glanz, sondern auch von der Reibung mit dem eigenen Bild lebt.

St. Moritz ist ein Ort des Reichtums. Das sieht man an den Häusern, der Inszenierung und der Dichte des Prestiges. Aber man sieht es auch an der Alltagsästhetik, an den großen Wohnhäusern, an den Mercedes G-Klassen und an der Selbstverständlichkeit des Besonderen. Und zugleich versucht der Ort, genau diesem Übermaß zu widerstehen. Das gelingt vielleicht nicht immer überzeugend, aber immerhin bewusst.
Dieser Widerspruch ist interessant. Denn er zeigt: Wohlstand ist nicht automatisch Gelassenheit. Oft erzeugt er die Gegenbewegung, die ihn begrenzen soll. St. Moritz lebt von diesem Spannungsverhältnis. Und genau deshalb bleibt der Ort architektonisch, sozial und kulturell spannend.
Was dieser Rundgang zeigt…
Für den Zukunftsexperten Mathias Haas war Open Doors Engadin 2026 keine Folge schöner Einzelobjekte, sondern ein Panorama regionaler Haltung. Der Cresta Run zeigt die Kraft von Tradition und Ritual. Der InnHub steht für das Wagnis einer Zukunftsarchitektur. Der Berninapass zeigt, wie Infrastruktur zu Kultur werden kann. Das Alterszentrum Du Lac zeigt die harten Realitäten des Betriebs. Und St. Moritz zeigt, wie eine Welt mit ihrem eigenen Reichtum ringt.
Das Engadin errichtet nicht einfach Gebäude. Es schafft Bedeutungen. Manchmal mit großer Klarheit, manchmal mit zu vielen Versprechen. Aber immer mit einer Ernsthaftigkeit, die anderswo oft fehlt. Genau das macht diese Region so bemerkenswert.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieses Wochenendes. Gute Baukultur entsteht nicht dort, wo alles perfekt ist. Sondern dort, wo man den Mut hat, Widersprüche nicht zu verstecken.
Wäre das nicht überall der bessere Maßstab?

Mathias Haas, DER TRENDBEOBACHTER, nimmt von einer Open Doors Engadin 2026 vor allem eines mit: Baukultur ist im Engadin nie nur schön, sondern immer auch Ausdruck von Haltung, Betrieb und Anspruch. Ein besonderer Dank gilt Olivia Stoffel, der Gesamtprojektleiterin, und Christoph Oggenfuss, dem Präsidenten und Co-Initiator von Open Doors Engadin, die diesen Anlass mit großem Einsatz möglich gemacht haben.
Mehr zur Arbeit von Mathias Haas und seinem Team gibt es unter www.trendbeobachter.ch und http://www.play-serious.org.








