World Nomad Games: Pferde, Adler, Putin – und wir?

World Nomad Games: Pferde, Adler, Putin – und wir?

World Nomad Games 2026 in Kirgisistan.
43 Sportarten. Mehr als 100 Länder. Pferde, Adler, Knochen, Musik, Essen – und mittendrin eine Welt, die uns erstaunlich fremd ist. Als Zukunftsbegleiter und Trendbeobachter bin ich nach Kirgisistan gereist, denn wir im Westen stehen vor enormen Herausforderungen.

Geopolitisch. Wirtschaftlich. Technologisch. Gesellschaftlich.

Wenn unsere bisherigen Antworten nicht mehr ausreichen, brauchen wir vielleicht keine noch intensivere Anwendung des Gleichen.

Wir brauchen andere Perspektiven.

Deshalb wollte ich mir bei den World Nomad Games 2026 ein eigenes Bild machen. Und diese Reise hat sich wirklich gelohnt.

World Nomad Games: Viel mehr als Sport.

Die World Nomad Games sind so etwas wie die Olympischen Spiele der nomadischen Kulturen. Aber es geht nicht nur um Sport.

In Bishkek und rund um den Issyk-Kul treffen traditionelle Sportarten, Musik, Handwerk, Essen und Kultur aufeinander. Im Ethno-Dorf am Kyrchyn-Plateau werden Jurten aufgebaut, Handwerk vorgeführt, traditionelle Gerichte zubereitet, Musik gespielt und alte Bräuche präsentiert. Und dann beginnt der Sport. 43 Disziplinen.

99 Prozent davon sind uns im Westen unbekannt.

Ordo. Toguz Korgool. Er Enish. Alysh. Kok Boru. Adlerjagd. Pferderennen. Manches wirkt zunächst wie Folklore. Bis man es sieht.

Reiter ringen auf Pferden miteinander. Adler und andere Greifvögel werden eingesetzt. Pferde sind dabei nicht einfach Sportgeräte, sondern Teil einer jahrhundertealten Lebensweise. Bei Kok Boru kämpfen Reiter um einen Ziegenkadaver. Spektakulär? Ja. Aber ist es auch mehr als das?

Es ist ein anderer Blick auf Körper, Natur, Wettbewerb, Geschicklichkeit und Gemeinschaft. Und genau deshalb ist es so faszinierend.

Das Fremde ist plötzlich interessant.

Noch spannender als die Sportarten sind die Menschen. Iraner. Afghanen. Pakistaner. Mongolen. Menschen aus Sri Lanka. Kasachen. Usbeken. Tadschiken. Belarussen. Das sind Länder, die für viele Menschen in Deutschland nicht zum normalen Reise- oder Gesprächshorizont gehören. Und genau da wurde die Reise für mich als Futurist persönlich. Denn auch ich musste feststellen, wie sehr geopolitische Bilder unseren Blick auf Menschen beeinflussen.

So hatte ich beispielsweise ein reserviertes Gefühl gegenüber Weißrussen. Und das, obwohl ich bereits dreimal in Minsk gewesen bin. Warum? Weil sich plötzlich die große geopolitische Wetterlage zwischen Mensch und Mensch schiebt.

Russland. Ukraine. Sanktionen. Belarus. Iran. China.

Wir kennen die Länder. Aber kennen wir auch die Menschen?

Risiko? Ja. Aber welches eigentlich?

Als internationaler Schwabe glaube ich, dass genau hier eine der wichtigsten Lektionen dieser Reise liegt. Wenn man immer nur dorthin reist, wo man sich sicher fühlt – politisch, kulturell, sozial –, dann erlebt man vor allem eines:

Bestätigung.

Die eigentliche Belohnung stellt sich manchmal erst ein, wenn man das vermeintliche Risiko eingeht.

Ein Paradebeispiel dafür ist Alireza Shahini. Exil-Iraner und Musiker. Musiker. Percussionist. Festival-Kurator. Und jetzt ist er Preisträger bei den Nomad Games.

Wir haben uns lange unterhalten. Dieser Austausch war für mich schlichtweg großartig.

Mind blowing.

Nicht, weil wir automatisch dieselbe Meinung oder dieselben Informationen hatten. Sondern weil ich eine Perspektive bekam, die mir in Deutschland verwehrt geblieben wäre. Einen anderen Blick auf den Iran. Auf die Kultur. Auf Menschen. Auf Migration. Auf die Welt.

Danke dafür, lieber Alireza.

Genau dafür reise ich. Nicht um bestätigt zu werden. Sondern um überrascht zu werden.

Kirgisistan: Der Goldstandard war einmal deutsch.

Und dann wäre da noch Kirgisistan selbst. Auch dieses Land ist ein hervorragender Perspektivwechsel. Wer durch Bishkek fährt, erlebt eine ziemlich interessante Zeitreise.

Audi. Mercedes. Deutsche Nutzfahrzeuge. Teilweise sind sie 30 Jahre und älter. Und sie fahren. Und fahren. Und fahren.

Deutsche Fahrzeuge waren hier offensichtlich einmal der Goldstandard.

Gleichzeitig verändert sich das Bild jedoch gerade fundamental. Immer mehr neue chinesische Fahrzeuge kommen ins Land. China wird zu einem wichtigen Lieferanten von Technologie, Fahrzeugen und Infrastruktur. Allein im ersten Halbjahr 2026 kamen fast 39.000 Pkw aus China nach Kirgisistan, mehr als aus jedem anderen Herkunftsland (open.kg, 19.08.2026).

Und auch auf den Straßen ist Chinas Einfluss sichtbar. China baut. China finanziert. China verbindet.

So ist die China Road and Bridge Corporation seit Jahren im kirgisischen Straßenbau aktiv. Neue Verkehrsverbindungen in Richtung chinesische Grenze werden ausgebaut. Sie bringen alles und jeden mit. Den Bagger von Sany und die Bangladeschi für die harte Arbeit.

Während wir in Europa über die strategische Abhängigkeit von China diskutieren, sieht die Realität in Zentralasien teilweise anders aus.

China: Straße. Infrastruktur. Zukunft.

Das muss man nicht gut finden. Aber man sollte es verstehen.

World Nomad Games und SCO: Zufall?

Mein Besuch wurde durch den zeitgleichen SCO-Gipfel in Bishkek besonders interessant.

Die Shanghai Cooperation Organisation versammelte dort Staats- und Regierungschefs bzw. Delegationen aus einem großen Teil Eurasiens: Putin. Xi. Modi. Iran. Pakistan. Belarus. Türkei. Und viele andere.

Die World Nomad Games und der SCO-Gipfel fanden damit praktisch gleichzeitig am selben Ort statt. Selbst der CFR beschreibt diese zeitliche Verbindung als bemerkenswerten geopolitischen Kontext der Spiele.

Sport und Geopolitik. Kultur und Macht. Tradition und Zukunft. Nomaden und neue Infrastruktur. China und Zentralasien. All das gleichzeitig.

Für mich als Trendbeobachter und Zukunftsbegleiter war Kirgisistan deshalb einige Tage lang ein ziemlich guter Beobachtungsposten für die entstehende Welt.

Die Welt endet nicht im Westen.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis meiner Reise zu den World Nomad Games 2026: Wir im Westen reden sehr viel über „die Welt“. Aber häufig meinen wir damit Europa. Die USA. China. Russland. Und vielleicht noch Indien. Der Rest der Welt taucht nur auf, wenn etwas passiert. Das reicht nicht mehr!

Denn die Welt verändert sich. Zentralasien wird immer wichtiger. China baut seinen Einfluss aus. Indien verfolgt seinen eigenen Weg. Der Iran sucht seine Position. Die Golfstaaten werden selbstbewusster. Afrika entwickelt eigene Strategien. Und viele dieser Länder denken nicht in den Kategorien, in denen wir denken.

Das ist unbequem. Aber genau deshalb ist es relevant.

Dialog statt Komfortzone.

Als Zukunftsbegleiter stellt sich mir deshalb die folgende einfache Frage:

Wie wollen wir den Dialog mit Putin, Xi und Modi oder mit gewählten Repräsentanten aus dem Iran aufrechterhalten, wenn wir nicht eingeladen werden – oder wenn wir gar nicht erst hingehen? Was wäre, wenn wir nur eine sehr reduzierte Delegation senden und weit weg von Medaillen abschneiden? Was wäre wohl passiert, wenn wir mal auf dem Podium gelandet wären?

Das ist keine Frage der Sympathie. Und auch keine Frage der Zustimmung.

Dialog bedeutet nicht Einverständnis.

Wer mit jemandem spricht, übernimmt nicht dessen Position. Wer jedoch nicht spricht, verliert die Möglichkeit zu verstehen. Wer nicht versteht, kann die Zukunft nur noch verwalten. Vielleicht müssen wir deshalb wieder häufiger dorthin reisen, wo es unbequem wird.

Nach Zentralasien. Nach Indien. In den Iran, wenn es möglich und verantwortbar ist. Nach Afrika. Nach China. Dorthin, wo unsere westlichen Erzählungen nicht automatisch die dominierende Perspektive sind.

Perspektivwechsel ist keine Wellnessübung.

Deshalb waren die World Nomad Games für mich kein exotischer Kurztrip. Sie waren Feldforschung. Sie sind eine Erinnerung daran, dass die Zukunft nicht nur in Berlin, Brüssel, dem Silicon Valley oder Davos entsteht. Sie entsteht auch dort, wo wir kaum hinschauen. Bei Menschen, deren Sportarten uns unbekannt sind.

Bei Kulturen, deren Musik uns fremd ist. In Ländern, die wir politisch schwierig finden. Und bei Staaten, deren Lösungen wir vielleicht sogar ablehnen.

Gerade deshalb müssen wir sie kennen.

Denn wir im Westen stehen vor enormen Herausforderungen. Wenn wir wirklich neue Antworten suchen, brauchen wir nicht nur neue Technologien. Wir brauchen auch neue Perspektiven.

Raus aus der westlichen Blase. Rein in die Welt.

Das ist vielleicht einer der wichtigsten Trends für die Zukunft.

Genau deshalb waren die World Nomad Games 2026 in Kirgisistan für mich weit mehr als nur ein Sportereignis.

Sie waren ein Perspektivwechsel.

Perspektivwechsel ist eine der am meisten unterschätzten Zukunftstechnologien überhaupt.

DER TRENDBEOBACHTER / Mathias Haas
Als Zukunftsforscher, Trendbeobachter und Zukunftsbegleiter beobachtet Mathias Haas Veränderungen dort, wo sie entstehen – auch jenseits der vertrauten westlichen Perspektive.

www.trendbeobachter.de

www.play-serious.org

Schlagworte:
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